Zeit für das Wesentliche. – Zu Besuch bei Theresa Breuer in Rüdesheim

Heute ist Zahltag“, lacht Theresa, als wir am ersten Juli wie verabredet auf dem Weingut Georg Breuer mitten im Zentrum von Rüdesheim eintreffen. Sie steht im Hof inmitten der Weinberg-Helferinnen, die eine nach der anderen ihren Monatslohn entgegennehmen – wer zurück nach Hause fährt, bekommt noch eine Flasche Breuer-Wein in die Hand gedrückt.
Während wir auf die Winzerin warten, schauen wir uns in der großen, modern eingerichteten Vinothek um. Touristen*innen gehen ein und aus. So viel Publikumsverkehr haben wir bisher auf keinem Weingut erlebt. An diesem Wochenende findet das Event „Rhein in Flammen“ statt. Alle Hotels sind voll belegt. Im historischen Verkostungskeller der Breuers sitzt schon eine Gruppe Flusskreuzfahrer*innen, die eine Weinprobe gebucht hat. Dass sie sich dabei auf einem der renommiertesten deutschen Weingüter befinden, ist den meisten Teilnehmer*innen gar nicht bewusst.
Ich mag das“, sagt Theresa, „das gehört auch zu uns. Deshalb sind wir mit der Produktion hier mitten im Ort geblieben und nicht irgendwo nach außerhalb gezogen.“ Das war lange Zeit ein ganz schöner Spagat: „Die Fässer standen im Keller des alten Gutshauses an der Geisenheimer Straße und in einem Keller am Rhein. Für jeden Transport hierher in den Wirtschaftshof musste ein Lkw beladen werden, obwohl wir uns direkt um die Ecke befinden. Aber Gabelstapler sind auf der Straße nicht erlaubt.“ 

Seit Theresa gegenüber der Vinothek eine neue Lagerhalle bauen ließ, ist das anders, zum ersten Mal ist alles an einem Ort vereint. „Wir wollen nicht expandieren, aber die Rochade gibt uns endlich ausreichend Platz, um das zu machen, was wir hier schon immer gemacht haben. Dabei müssen die Dinge deutlich weniger häufig in die Hand genommen werden als zuvor, das entspannt und gibt Zeit für anderes.
Das schlichte, holzverkleidete Gebäude mit dem mehrfach gefalteten Dach wurde sehr geschmackvoll in Weingut und Ortskern integriert – finden wir! Doch es gefällt nicht jedem. „Manche sagen Parkhaus, andere Scientologykathedrale dazu“, erzählt Theresa schmunzelt. „Dabei haben wir uns an alle Denkmalschutzauflagen gehalten. Und die waren wesentlich strenger als in den 1970er-Jahren als der Supermarkt gebaut wurde, der vorher hier stand.

Die neue stützenfreie Lagerhalle aus Holz kommt ganz ohne Klimaanlage aus. Gedämmt wird mit Holzwolle.

Nach der Besichtigung gehts in den alten Teil des Anwesens, wo währende der Lese die Moste lagern. An der Wand hängt eine Karte, auf der alle Breuer-Lagen verzeichnet sind. Insgesamt 180 Parzellen verteilt über das gesamte Rüdesheimer Band sowie in Lorch (westlich von Rüdesheim) und Rauenthal (östlich, oberhalb von Eltville). „Das ist mein kleines Labor. Hier probiere ich während der Lese abends die Moste und verzeichne mit Textmarker auf der Karte, was schon hereingekommen ist. Alle drei Jahre muss das Arbeitspapier gewechselt werden, weil es keine Farbe mehr gibt, die die anderen überdeckt.
Gelesen wird von Hand, insgesamt dreieinhalb Wochen. „Durch die Handarbeit sind wir langsamer als die anderen. Wir fangen früher an und hören gleichzeitig auf. Angst vor Säure haben wir nicht. Die gibt den Weinen Frische.

 

Theresa in ihrem „Labor“ vor dem Rüdesheimer Schachbrett mit den 180 Breuer-Parzellen. Jedes Fass thront auf zwei 100 Kilo schweren Fasssteinen aus Pfälzer Sandstein.

Theresa und Kellermeister Markus Lundén probieren im Spätsommer wöchentlich die Trauben von bestimmten Referenzstellen. „Uns reicht dafür jeweils eine einzige Rieslingtraube. Denn die passt genau in eine Spätzleschwob. Mit dem schwäbischen Haushaltsgerät pressen wir sie und schauen, wie der Saft fließt.“ 
Der Reifezeitpunkt der Trauben ist je nach Lage unterschiedlich, so kann sich das Team aus 30 Lesehelfer*innen von Parzelle zu Parzelle arbeiten. Theresa ist die ganze Zeit im Weinberg mit dabei. Probiert, liest, selektiert. „Markus bekommt nur schöne Trauben in den Keller. Er sieht nicht, was und wie viel wir weggeschnitten haben. Dadurch ist er im Kopf frei. Alles Wissen, wie die Situation der Reben im Weinberg war, würde seine Entscheidung beim weiteren Ausbau beeinflussen.“

85 Prozent der Parzellen werden einzeln ausgebaut. Das bedeutet, unten im Keller stehen mehr als 150 Gebinde. Die Trauben aus den Steillagen kommen ins Holz, die Basis aus den flacheren Weingärten reift im Edelstahl. „Holz passt gut zu unseren Weinen. Der Anteil soll noch etwas gesteigert werden. Aber auch Edelstahl gehört zu uns. Die Architektur beider Fassfamilien – Holz wie Edelstahl – richtet sich nach der Größe der einzelnen Parzellen, das heißt, es gibt kleine und größere Gebinde, das größte fasst 2.100 Liter.
Wir steigen in das verschachtelte Kellergewölbe hinab, wo die letzten drei Holzfässer gerade erst angekommen ist. Der Umzug der Edelstahltanks hat anderthalb Tage gedauert, fürs Holz waren anderthalb Wochen nötig. Zwei Fässer stehen noch am Gutshaus, sie sind zu groß für die Kellertür und müssen abgeschlagen werden.

 

Türkisfarbenes Band als Markenzeichen: Der Farbgeschmack von Bernhard Breuer prägt nicht nur die Etiketten, auch die Touristenbahn und das Halsband von Hund Louie. 

Dann gehts ans Probieren. Das türkisfarbene Band der Etiketten setzt sich in der 2017 sanierten Vinothek an den Fußleisten und Möbeln fort. Das Corporate Design hat Theresas verstorbener Vater Bernhard Breuer in den 1980er-Jahren kreiert. Der große Visionär und Pionier des edlen, trockenen Rheingau-Rieslings mochte offenbar die Farbe. Als Vorsitzender des Weinbauvereins ließ er damals auch den Rüdesheimer Winzerexpress in Gelb und Türkis gestalten. Die kleine Bimmelbahn fährt heute noch Tourist*innen von der berühmten Drosselgasse in die Weinberge unterhalb des Niederwalddenkmals. Die grafische Gestaltung ist schon immer hausgemacht. Heute kümmert sich Theresas Schwester, die Fotografin Marcia Breuer, darum. 

Aber nun zum Wein: „Der 2021-Jahrgang hat durch den Regen insgesamt eine sehr ausgewogene Vegetationsentwicklung“, erzählt Theresa. „Die Trauben sind extraktreich, weil sie endlich mineralisieren konnten. Die Umsetzung in der Pflanze hat viel besser funktioniert als in den trockenen Jahren zuvor. Allerdings hat der Rüdesheimer Berg dennoch Trockenstress gehabt. Er ist einfach tieftrocken. Das ist ein Gänsehautthema, denn auch in diesem Jahr war der März viel zu trocken und windig. Zum Schutz versuchen wir es mit Abdeckungen durch Stroh und Mulch. Für eine Begrünung ist der Hang viel zu karg und steil. Das wird für uns in den nächsten Jahren eine große Aufgabe sein. Die Reben sind jetzt rund 50 Jahre alt, es bedeutet viel Arbeit, sie zu erhalten. Neuanpflanzungen sind in unseren Steillagen eine Herausforderung. Am Berg Rottland haben wir vor sechs Jahren 4.000 qm neu bepflanzt, es dauert einen ganzen Tag, das gesamte Jungfeld zu bewässern. Dennoch hatten wir bis heute noch keinen Ertrag“, sagt sie. „Wir probieren gemeinsam mit der Universität Geisenheim viel aus: Beispielsweise beginnen wir schon vor der Vegetationsperiode mit der Bewässerung. Auch mit Herbstbewässerung experimentieren wir, damit die jungen Reben wenigstens einmal ganz nass sind.
Deshalb freut sie sich, dass die Moste 2021 „mega versorgt“ waren und auch 2020 alles „ruhig und richtig“ lief. „Die einzige Aufregung, die es da gab, war ein Nachmittag, an dem die Presse kaputt ging.
Und das können wir schmecken: Schon die Estate-Rieslinge 2021 sind hervorragend, ihre großen Brüder Riesling Pfaffenwies, Berg Schlossberg und Nonnenberg 2020 absolut beeindruckend. Es ist ein Vergnügen, dieses präzise Puzzle aus 180 Breuer-Parzellen zu probieren. Nicht auszudenken, was mit mehr Zeit und Konzentration noch zu erwarten ist!

 

Die Wand der neuen Lagerhalle – der Tankturm im Wirtschaftshof – das Gutshaus in der Geisenheimer Straße.

Fotos: vinocentral

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