Neuentdeckungen aus der Pfalz: Weingut Jülg

Freier Grenzübertritt im Weinberg. Schengen sei Dank!
Es ist Ende Februar 2016, im Südosten Europas werden die Grenzen geschlossen. Gerade als auch in Belgien erwogen wird, die Übergänge nach Frankreich schärfer zu kontrollieren, machen wir uns auf den Weg gen Westen, zu einem Winzerbesuch in Schweigen, direkt an der deutsch-französischen Grenze. Wir sind verabredet mit Johannes Jülg, dem ältesten Sohn des Weinguts Jülg.

Der Winzerhof liegt direkt hinter dem Deutschen Weintor, das den Beginn der deutschen Weinstraße markiert. Es wurde 1935 von den Nationalsozialisten erbaut, um Tourismus und Weinabsatz anzukurbeln. Was dem protzigen Bauwerk auch gelang, bis in die Gegenwart.
Das pittoreske Haus der Familie Jülg ist eins der wenigen wirklich historischen Gebäude des Ortes, der im Zweiten Weltkrieg bei den Kämpfen entlang des Westwalls fast völlig zerstört wurde. Das ehemalige Forsthaus beherbergte einst Bürgermeisteramt und Polizeistation, bevor es 1961 von Johannes Großvater gekauft und zu einem Winzerbetrieb umgebaut wurde.

Von der Geschichte der Region erzählen auch die 18 ha Weinberge der Familie: Seit 1945 der Grenzverlauf verändert wurde, liegen 40 Prozent davon in Frankreich. „Nach dem Krieg sollten wir dort enteignet werden, doch keiner der französischen Winzer wollte die Rebflächen haben. Also durften wir sie schließlich doch behalten“, erzählt Johannes. Mit dem Schengener Abkommen wurde der Besitz schließlich vertraglich geregelt und ins Grundbuch eingetragen. Seit Schengen braucht man außerdem nicht mehr – wie einst noch Großvater Jülg – mit Pass im Weinberg zu stehen, sondern kann sich ohne Papiere zur Ernte begeben.

Vor fünf Jahren ist Johannes in den Familienbetrieb eingestiegen, den er seither gemeinsam mit seinem Vater Werner führt. Zuvor hat er in der Weinbauschule im schwäbischen Weinsberg sowie in verschiedenen Betrieben das Winzerhandwerk gelernt, auch in Frankreich. „Der Vater hat abends immer eine Flasche Wein auf den Tisch gestellt. Wenn er gut war, war er meist aus Frankreich“, erzählt der sympathische 29-Jährige. „Deshalb wollte ich unbedingt auch in Frankreich Praktika machen.“ Die Zeit dort hat ihn geprägt: Dichtere Pflanzungen, frühere Ernte, Qualität statt Masse, das sind Dinge, die er sich zu eigen gemacht hat. Mit Erfolg. Dem Weingut wird von der Presse „ein beachtlicher [Qualitäts]Sprung nach oben“ (Die Welt) bescheinigt. Vater und Sohn sind ein gutes Team: Johannes besitzt jugendlichen Leichtsinn und Experimentierfreude, der Vater verfügt über dreißigjährige Berufserfahrung. Heute ist er vor allem für den Crémant des Weinguts zuständig.
„Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich wusste, worauf es ankommt“, berichtet Johannes. Mittlerweile kennt er die Weinberge genau. Jeder davon hat seine Aufgabe. Er führt uns in den Fasskeller. Der 2015er-Jahrgang hat die Gärphase im November abgeschlossen, jetzt wird alle zehn Tage Fass für Fass durchprobiert, um zu entscheiden, ob etwas Hefe abgezogen oder der Wein in den Edelstahl-Tank umgefüllt werden muss.


Wir setzen auf Boden, nicht auf Zuckergehalt“, erklärt Johannes. „Ausreichend Zucker kann sich auch in Trauben von flachen Ackerböden entwickeln, dennoch schmecken die Weine häufig dünn. Die Trauben von Rebstöcken auf Steinböden indes, haben weniger Zucker, aber deutlich mehr Geschmack.“ Deshalb wird bei Jülgs jeder Weinberg selektioniert und der Wein parzellenweise in Tanks unterschiedlicher Größe abgefüllt. Jeder Tank, und sei er noch so klein, erhält die volle Aufmerksamkeit. Erst am Ende wird entschieden, welcher Wein für den Guts-, den Terroir- oder für die höchste Qualitätsstufe, den Lagenwein, verwendet wird. Dann geht es endlich raus in die Weinberge. Schließlich ist so ein Grenzgang im Weinberg etwas ganz Besonderes. Wir steigen in Johannes Kleinbus und fahren mit ihm hinauf auf den Sonnenberg.

Im Zickzack verläuft die Grenzlinie zwischen den Rebstöcken der Familien Jülg. Johannes erläutert uns, dass die französischen Katasterlagen auf den deutschen Etiketten mit der geschützten Ursprungsbezeichnung „Pfalz“ nicht genannt werden dürfen. Nur die grenzüberschreitende Einzellage „Sonnenberg“ darf verzeichnet sein. Er steht deshalb in Verhandlung mit den deutschen und französischen Behörden sowie den jeweiligen Weinwirtschaftsverbänden, um eine neue Ursprungsbezeichnung mit dem Namen „Lautertal“ zu erlangen, die in die französischen und deutschen Einzellagen „Kammerberg“, „Rätling“, „Wormberg“ und „Guldenwingert“ unterteilt werden darf.
Bis dies so weit ist, sind auf vielen seiner Weinetiketten lediglich die verschieden Bodentypen zu lesen.

Wir fahren weiter nach Frankreich hinein. Oberhalb  des Städtchens Wissembourg halten wir abermals, unten im Tal liegt die Weißenburger Klosterkirche im Sonnenlicht. Johannes deutet den stark geneigten Südhang hinunter. Hier am Kammerberg, direkt unterhalb der Rebflächen des berühmten Weinguts Friedrich Becker, hat er 2015 vier verschiedene kleinbeerige Spätburgunder-Klone aus Frankreich nach französischem Vorbild angepflanzt.
Der Kammerberg war ursprünglich eine Einzellage, die 1971 in den „Schweigener Sonnenberg“ eingegliedert wurde. Friedrich Becker brachte sie später als „Große Gewächslage“ in den Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) ein. Der Boden besteht aus Kalkmergel und Ton, wobei sich im Untergrund reiner Kalkstein befindet. Dieser ist so hart, dass Johannes die Löcher für die Pflanzen von einem Bagger schaufeln lassen musste. Durch die intensive Sonneneinstrahlung hat sich der Kammerberg als ideale Burgunderlage erwiesen. Der französische Spätburgunder soll Johannes Lebenswerk werden. Doch bis zur Jungfernlese sind es noch mindestens drei Jahre. – Wir blicken beeindruckt über die jungen Rebstöcke hinweg und bekommen eine Ahnung davon, wieviel Arbeit in diesem ambitionierten Projekt steckt.

Nun müssen wir nur noch die Jülgschen Weine verkosten. Es geht zurück nach Schweigen. Am Dorfeingang steht anstelle des üblichen Ortsschildes eine blaue Tafel mit der Aufschrift „Bundesrepublik Deutschland“.
Es ist Mittagszeit. Wir beschließen, die Degustation in die fünfzig Jahre alte Weinstube von Großmutter Erika Jülg zu verlegen und dabei gleich noch ihre Pfälzer Spezialitäten zu probieren. Bei weißem Käse, Bratkartoffeln, Saumagen und Leberknödeln verkosten wir verschiedene Crémants sowie Spätburgunder Kalkmergel, Riesling Kalkmergel, Riesling Springberg, Riesling Sonnenberg und Chardonnay Sonnenberg. Wir sind begeistert von dieser deutsch-französischen „jumelage“ [Partnerschaft] in den Gläsern und können uns kaum entscheiden.

Seit Anfang März 2016 können Sie bei uns im vinocentral entdecken, wie die Qual der Wahl ausgegangen ist. Wir freuen uns, über Ihr Kommen und hoffen, dass die Grenzen offen bleiben – nicht nur für Jülgs!

 

 

 

 

 

 

 

 

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