Der mit den Reben tanzt – Zu Besuch bei Michael Teschke am Laurenziberg, Rheinhessen

„Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt im Weinberg“, sagt Michael Teschke. Eine Aussage, die wir schon öfter gehört haben. Was aber genau damit gemeint ist, hat uns bisher niemand so eindrucksvoll deutlich gemacht wie der charismatische Winzer aus Laurenziberg bei Gau-Algesheim. 
Seine Maxime offenbar sich sofort, wenn man vor dem großen schmiedeeisernen Tor des Weinguts steht. „Lieber Gast, ich bin draußen im Felde, unter 0170/4856… kehre ich zurück in Bälde.“ steht auf einem handgeschriebenen Schild. Wir müssen nicht anrufen, wir sind angemeldet und werden erwartet. Doch schon wenig später ist das Schild wieder zutreffend, denn sofort geht es gemeinsam hinaus in die Weinberge. Vier Stunden werden wir bei Sonne und Regen durch die Weingärten wandern und uns von Michael Teschke erklären lassen, warum seine Weine so anders schmecken. Die Antwort ist eigentlich ganz simpel: Weil er einfach alles anders macht als die anderen. Das beginnt bereits bei der Reberziehung. Während seiner Ausbildung auf dem Weingut Merz im benachbarten Ockenheim lernte Teschke die Lenz-Moser-Hochkultur kennen, bei der die Rebstämme mit circa 100 bis 130 Zentimetern ungewöhnlich hoch und die Rebzeilen überdurchschnittlich breit angelegt sind. Der junge Lehrling war tief beeindruckt von den strukturierten Anlagen, deren Laubwände absolut gleichförmig in die Höhe ragten.    

Von links nach rechts: 1 Das Weingut der Familie Teschke direkt im Ortskern des kleinen Ortes Laurenziberg. 2 Hinweis des Winzers am Tor. 3 Reberziehung à la Teschke

Wie es der Zufall wollte, fand er in den elterlichen Weinbergen ebenfalls eine Weitraumanlage vor. Die hatte sein Vater, der einen landwirtschaftlichen Mischbetrieb führte, allerdings ausschließlich deshalb so angelegt, um für die Weinbergsarbeit nicht extra einen schmalen Wingerttraktor anschaffen zu müssen. 
Noch während seiner Ausbildungszeit überredete Teschke seinen Vater, ihm die Rebflächen oberhalb des Dünnbachs abzutreten, um den zum Abschluss der Lehre vorgeschriebenen ersten Wein aus eigenen Trauben keltern zu können. Während des Berufsschulunterrichts entwickelte er die normale Spaliererziehung weiter und verfeinert die Lenz-Moser-Methode nach seinen Bedürfnissen. Diese ist bis heute prägend für Teschkes Weingärten und ermöglicht ihm drei zeitlich versetzte Lesegänge, sodass er aus einer Lage drei ganz unterschiedliche Weine hervorbringen kann.    

Von links nach rechts: 1 und 2 Hoch über dem Dünnbachtal 3 Anderer Boden, anderer Bewuchs zwischen den Rebzeilen

„Das Dünnbachtal ist mein Kraftort“, sagt Teschke, als wir oben auf dem Berg stehen und hinunter auf den schmalen Wasserlauf schauen, der sich zwischen Pappeln hindurchschlängelt. Keine Monokultur, sondern Wiesen, blühender Holunder, Hecken und Reben. „Nachts singt hier die Nachtigall. Und wenn ich in der Dämmerung nach Hause laufe, bin ich übersät mit Insekten.“ An dieser reichen Biodiversität hat der Winzer großen Anteil. Zwischen seinen breiten Rebzeilen stehen hohe Gräser, wilde Getreidesorten und Blumen – keine von Menschenhand gesäte Unterstockbegrünung, sondern Natur pur. 
Im krassen Kontrast dazu die Rebflächen seiner Kolleginnen und Kollegen: Nicht selten durchziehen breite braune Streifen die benachbarten Wingerte, das Gras liegt verdorrt am Boden, unterhalb der Stämme wächst ausschließlich dürres Moos. Deutlich ist zu erkennen, wo mit Herbiziden gearbeitet wurde. 
„Tote Erde“, sagt Teschke. „Dabei ist das gar nicht nötig. Ich lerne von der Natur. Die Gräser und Blumen stören mich nicht, im Gegenteil: Sie stellen eine natürliche Wasserkonkurrenz dar, die die Reben animiert, tiefer in den Boden hinein zu wurzeln. Bis Ende Mai lasse ich die wilden Gräser stehen. Dann haben sie ihre Samen ausgebildet und hören ganz von selbst auf zu wachsen. Wenn ich sie anschließend mit dem Scheibenpflug umlege und unterpflüge, ist für dieses Jahr kein weiterer Mulchgang mehr nötig“, erklärt er uns. „Die anderen haben bis dahin schon mindestens dreimal gemulcht und wundern sich, dass das ‚Unkraut‘ immer noch sprießt wie verrückt.“    

Von links nach rechts: Starker Kontrast – In Teschkes wildwüchsigen Rebreihen wächst Knoblauch, im Wingert gegenüber nur Moos und totes Gras unter den Stöcken

Er gräbt mit der Hand in der Erde unterhalb eines 60 Jahre alten Silvaner-Stocks und zieht eine Knolle  wilden Knoblauchs für uns heraus. Es wimmelt nur so von Ameisen. „Meine Weinberge sind Lebensraum für Mäuse, Kröten, Schmetterlinge und Insekten. Ich will so wenig wie möglich stören.“ Auch die großen, korallenartigen Steine, die seit Jahrtausenden hier im Boden eingelagert sind, sammelt er nicht ab. „Das sind die Bettpfannen für die Rebe, sie speichern das Sonnenlicht und geben es nachts als Wärme wieder ab.“ Als er uns dies demonstrieren will, kommt eine dicke Kröte zum Vorschein. Gerührt nimmt Teschke sie in die Hand. „Da es rundherum wenig Rückzugsräume gibt, tummeln sich die Tiere hier bei mir. In den breiten Grasstreifen leben zahlreiche Hasen. Wenn ich mit dem Mulchen beginne, laufe ich zunächst die Reihen ab, um sie zu verscheuchen. Seltsamerweise reagieren sie nicht auf den Krach des Motors.“    

Von links nach rechts: 1 + 2 Wärmespeicher für Reben und Kröten: Steine im Wingert. 3 Hasenversteck zwischen den Rebzeilen

Das ist Tierliebe. Das ist aber auch die Gewissheit, von Pflanzen und Tieren viel lernen zu können – wenn man richtig hinguckt! Zum Beispiel von der Weinbergschnecke, die zu den ersten Bewohnern Rheinhessens zählt. „Sie weiß, wie man hier klarkommt“, sagt der Winzer, „schließlich hat sie die Dinosaurier überlebt!“ Aus Respekt vor ihrem Urwissen läuft er stets federnden Schrittes durchs Gras. „Schnecken sind bekanntlich sehr langsam, deshalb arbeiten sie präventiv“, erklärt er. „Jetzt ist keine zu sehen, das heißt, es wird heiß.“ Die Schnecken ziehen sich bei großer Wärme auf halber Höhe der Rebstöcke zurück. Dort werden sie von den Blättern beschattet, können aber noch von der Bodenkühle profitieren. Wird es richtig heiß und trocken, verschleimen sie sich zum Schutz. Sammeln sich die Schnecken oben am Rebkopf, weiß Teschke, dass in nächster Zeit Bodenfrost droht und er nachts mit der Spritze raus muss, um die Luftschichten zu verwirbeln.
Michael Teschke erledigt fast alle Arbeiten im Weinberg selbst, weil sein fundiertes Wissen nur schwer zu vermitteln ist. Er lässt die Pflanzen so lange wie möglich wachsen, da die Anlagen für die späteren Trauben erst nach der Blüte gelegt werden. Der höchste Trieb bekommt die meisten Nähstoffe. Diesen Prozess will er nicht stören. 
Gelesen wird per Hand in drei Lesegängen, der Letzte erfolgt erst nach der Laubverfärbung, bestenfalls sogar nach dem Laubfall. Damit die Trauben die Zeit bis dahin unbeschadet überstehen, bedarf es viel Pflege. Tag für Tag läuft der agile Winzer die Parzellen ab. Ist eine Rebe beschädigt oder angefressen, wird sie mit der Schere kleinteilig herausgeschnitten. „Das Markante meiner Weine liegt zum einen am hohen Alter der Rebstöcke. Dadurch sind die Trauben keine Aromamonster, sondern fein und verspielt. Ihre zarte Salzigkeit indes erhalten sie im Herbst, wenn die Temperaturen unter zehn Grad sinken und das Laub gelb wird. Dann nämlich kommt es zu einer Rückverlagerung der Nährstoffe ins Rebholz. Hängen jedoch noch Trauben am Stock, erhalten diese die Nähstoffe. Die Mutter lässt ihrem Kind quasi den Vortritt, ungeachtet ihrer eigenen Vitalität. Ein Vorgang, den ich sehr bewundere!“ 

Und so kommt es, dass Teschke gelungen ist, was viele nicht für möglich gehalten haben: Er hat die verwaisten Stiefkinder Rheinhessens, Sylvaner und Portugieser, wachgeküsst und zu neuer Komplexität und Lebendigkeit verholfen. „Eigentlich mache ich nichts anders“, sagt er bei der abschließenden Verkostung im Hof des historischen Gehöfts. „Ich sammele die gleichen Mosaiksteine wie die anderen – nur schöner!“ Nach unserer vierstündigen Führung wissen wir, dass er recht hat. 

Oben: So unkonventionell wie der Winzer ist auch sein Korkenzieher.
Unten links: Immer dabei: Dobermann Jule. Rechts: Das Weingut grenzt direkt an die Laurenzikapelle, eine der ältesten Kirchen der Region.

Mehr zum Weingut Michael Teschke und seine Weine finden Sie hier.

 

Fotos: Janne Böckenhauer, Michael Bode-Böckenhauer

 

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