Reise ins Epizentrum der alternativen Weinwelt

Die Leiden der Messebesucher*innen

Viele Weinfreund*innen stellen sich vor, dass die Weinhändler*in ihres Vertrauens wohl mit dem VW-Bus durch die Anbaugebiete tingelt, sich von Weingut zu Weingut schlürft, dabei reihenweise Geheimtipps auftut, um dann voll beladen mit Trouvaillen – und mit leicht geröteter Nase – wieder nach Hause zurückzukehren. Das ist natürlich Weinhandelsromantik pur. „Geheimtipps“ gibt es zwar mehr denn je zu entdecken, aber die findet man in unserer Zeit eher in den Tiefen des Internets, als durch eine zeitraubende Odyssee vor Ort. Und natürlich sind Weinmessen diesbezüglich heute unverzichtbar. Zu Großveranstaltungen wie der Düsseldorfer ProWein, einer der größten Weinmessen der Welt, rückt das vinocentral jedes Jahr für drei Tage mit einem 6- bis 8-köpfigen Team an. Spaß macht das nur bedingt. Denn selbst mit einem minutiös ausgearbeiteten Zeitplan und militärischer Disziplin ist stets nur ein verschwindend geringer Bruchteil dessen zu schaffen, was solche Supermessen bieten. Die Veranstalter*innen rühmen sich zudem jedes Jahr, wieder ein Stückchen gewachsen zu sein, wovon weder die Aussteller (fast 7.000) noch die Besucher*innen (über 60.000) etwas haben – außer immer weiteren Wegen und immer kürzeren Terminen am Messestand.

Lieber klein und fein

Glücklicherweise geht es aber auch anders. Immer öfter findet man Messeformate, die auf „klein, aber fein“ setzen und ihr Austellerprogramm sogar kuratieren. Das sind dann echte Fundgruben. Wer sich wie Yook beispielsweise für authentische Terroir-Weine aus biologischer oder biologisch-dynamischer Produktion und sogenannte „Vins naturels“ interessiert, kommt nicht umhin, alljährlich im zumeist eiskalten Februar an die Loire zu reisen. Genauer gesagt nach Saumur und Angers, rund 300 km südwestlich von Paris. Dort findet in dieser unwirtlichen Jahreszeit ein ganzer Marathon an Verkostungen statt, bei denen sich das Who's who der alternativen Weinszene Europas die Klinke in die Hand gibt. Darunter auch einige wenige biodynamische Spitzenerzeuger*innen aus Deutschland wie die "vinocentral-Winzer" Clemens Busch, Peter Jakob Kühn oder Frank John, die hier nach Kräften gegen den eher mäßigen internationalen Ruf des deutschen Weins ankämpfen. Der hat nämlich noch immer unter önologischen Entgleisungen wie der „Liebfrauenmilch“ zu leiden.

Der feine Unterschied

Das Niveau der präsentierten Weine ist hier fast ausnahmslos hoch bis Weltklasse. Ganz abgesehen davon, verstehen sich die Französinnen und Franzosen in einzigartiger Weise darauf, solche Veranstaltungen in einen würdigen Rahmen zu betten. Sprich, auch in Sachen Ambiente und Kulinarik sind diese Verkostungen bisweilen ein echtes Erlebnis. Letzteres mag auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen. Aber im Lauf eines langen Verkostungstages macht es eben doch einen Unterschied, ob man durch sterile und reizüberflutete Messehallen geschoben wird und sich gezwungenermaßen mit industriellem Messecatering abfinden muss, oder ob man in einer ästhetisch ansprechenden Atmosphäre verkostet und sich zwischendurch an einer Küche erfreuen darf, die diesen Namen auch wirklich verdient. Darin sind unsere lieben Nachbar*innen westlich des Rheins den Düsseldorfer Kolleg*innen jedenfalls haushoch überlegen. Nicht Aussteller- und Besucherzahlen sind hier rekordverdächtig, sondern die Qualität der Austern beim zweiten Frühstück!

 Dégustations, dégustations, dégustations …

Allen voran ist hier der „Salon St. Jean“ in Angers zu nennen, der in einem wunderschönen historischen Getreidespeicher sowie im benachbarten „Musée Jean Lurçat“ stattfindet, einem ehemaligen Krankenhaussaal aus dem 12. Jahrhundert, der heute die monumentalen Wandteppiche des namensgebenden französischen Künstlers beherbergt. Hier sind vor allem die bereits etablierten Vorreiter*innen des biodynamischen Weinbaus und der Naturweinbewegung vertreten. Der Schwerpunkt liegt dabei natürlich bei den Loire-Winzer*innen, aber auch ausgewählten Spitzenerzeuger*innen aus dem übrigen Frankreich und etlichen anderen europäischen Ländern bietet die Messe eine Plattform. Vor 14 Jahren von Kultwinzer Nicholas Joly als „Off-Veranstaltung“ zum konventionellen „Salon de vins de Loire“ ins Leben gerufen, der zeitgleich auf dem Messegelände in Angers stattfindet, zählt die Verkostung mittlerweile zum absoluten Pflichtprogramm für Weinprofis. Und die kommen aus der ganzen Welt hierher, wobei sich gerade die deutschen Besucher*innen eher rar machen. Aber das liegt wohl auch am allgemein schwierigen und extrem preissensiblen deutschen Weinmarkt. Primärfruchtige Weine unter 5 Euro sucht man hier vergeblich – die teils sehr fordernden naturbelassenen Weine hingegen haben ihren Preis und stoßen in Deutschland nicht nur deshalb allgemein auf wenig Gegenliebe. (Auch wenn wir im vinocentral erfreulicherweise beobachten können, dass sich da langsam etwas bewegt – unsere Naturweingemeinde wächst!)

Das zweite Must-see-Event in der Region geriert sich mit einem Hauch mehr „Punk“ – quasi als Off-off-Veranstaltung – im wenige Kilometer entfernten Saumur. Hier bei der „Dive Bouteille“ geht’s ausschließlich um Naturwein. Zwar trifft man auch da einige große Namen, daneben aber auch unbekannte Newcomer*innen. Jedes Jahr besetzen die Weinrebell*innen die altehrwürdige „Cave Ackerman“, weitläufige, direkt in den nackten Felsen gehauene Kellergewölbe aus den glorreichsten Tagen der Schaumweinproduktion an der Loire. Das Ambiente ist nicht weniger beeindruckend als das Winzer-Line-up und auch hier schafft man es einen hervorragenden einfachen Eintopf aufzutischen – mit Label-Rouge-Wurst selbstverständlich – und wirklich exzellente Austern aus nachhaltiger Zucht.

Sonnenseiten des Weinhandels

Daneben gibt es noch weitere kleinere Verkostungsevents wie den Salon „Les Anonymes“ in den pittoresken Salons Curnonsky in Angers und selbst am Rande der konservativen Großveranstaltung „Salon de Vins de Loire“ auf dem Messegelände beherbergt ein kleinere Halle unter dem Titel „La Levée de la Loire“ eine beschauliche Zahl von Bioweingütern, darunter unter anderem Phillipe Betschart, Aymeric Amiel und Alain Chabanon (siehe Bilder von links nach rechts), die bereits im vinocentral-Sortiment vertreten sind.

Und auf jeden Verkostungstag folgt selbstredend ein Abend, an dem man nach durchschnittlich 150 ausgespuckten Weinen dann endlich auch mal das eine oder andere Gläschen wirklich trinkt – selbstverständlich im Rahmen eines angemessenen Diners. Das kulinarische Angebot hier ist schließlich sensationell. Obwohl Angers gemessen an der Einwohnerzahl sogar etwas kleiner ist als Darmstadt, ist die Gastronomiedichte mit an die 600 Etablissements rund doppelt so hoch – darunter ganze 16 Restaurants, die im Guide Michelin mit einem Teller oder dem Bib Gourmand empfohlen werden, zwei davon sogar mit einem Stern. Das Highlight ist dabei sicherlich das zu recht besternte „Le Favre d’Ann“ mit einer wirklich hervorragenden modernen Küche aus vorwiegend regionalen Produkten sowie einer exzellenten Weinauswahl. Etwas preisgünstiger ist dagegen die Küche des wohnzimmerhaften „Osé“, wo man für drei Gänge keine 30 Euro berappen muss. Auch hier ist die Weinkarte mehr als passabel. Nicht weniger genussbringend kann es nach dem Messetrubel sein, sich zuvor bei den zahlreichen Boulangeries, Boucheries, Fromageries, Poissoneries, Pâtisseries und Cavistes mit Leckereien einzudecken, wie man sie hierzulande qualitativ nur in Ausnahmefällen antrifft, und in der eigenen Unterkunft kulinarisch den Bären steppen zu lassen.

Tja, das sind so die Sonnenseiten des Weinhändlerdaseins. Doch folgt auf die alljährliche Genussentdeckungsreise an die Loire wenige Wochen später der unvermeidliche Gang zur ProWein. Und man fragt sich, wie die verwöhnten französischen Gäste dieses genussfeindliche Jammertal dort überstehen. Mon dieu!

Fotos: Michael Neser und Geunhye Yook

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