Cascina Intersenga x Wolf, Piemont
Foto©Ben Kuhlmann
vinocentral: Du hast dich entschieden, keinen reinsortigen Barbera zu machen, sondern einen Monferrato Rosso aus mehreren piemontesischen Rebsorten. Was reizt dich an dieser Cuvée – und was kann sie ausdrücken, was ein reiner Barbera nicht kann?
Dennis: Nun, als ich hier im Piemont gelandet bin, hatte ich so manche Idee im Kopf, insbesondere davon, wie mein Barbera werden soll. Daraufhin habe ich mich durch die Region getrunken – ich meine natürlich probiert – und überlegt: Was mag ich eigentlich am liebsten? Viele Nebbioli haben mich überfordert. Mit dem gewaltigen, oft groben Gerbstoff wurde ich nicht richtig warm. Daneben der Barbera, Lokalmatador im Monferrato: Er hat zwar Kraft und reichlich Alkohol, aber das Parfüm in der Nase hat mich selten wirklich verlockt.
Dann gab es eine schöne Situation beim lieben Kollegen Luca Faccenda aus dem Roero. Ich habe ihn gefragt: Barbera plus Nebbiolo – wäre das nicht eine gute Idee? Er hat die Stirn gerunzelt und gesagt: „I can’t, because of the tradition!“
Lucky me – ich habe keine Tradition, die ich fortführen müsste. Grazie an Hans.
Daraufhin habe ich mir vorgestellt, wie jede Traube eine neue Farbe im Farbkasten ist und man damit viel bunter gestalten kann. Hinzu kommt noch, dass wir teilweise mit Rappen vergoren haben und so eine weitere spannende Nuance bekommen.
Das Ergebnis stimmt mich sehr zufrieden, weil ich – vielleicht auch nur in meinem Kopf – jedes Charakteristikum der verschiedenen Sorten spüre und schätze: die schöne tiefe Farbe des Barbera und seine tragende Säure, eine Prise Gerbstoff vom Nebbiolo mit seinem Parfüm, das aromatisch hell, floral und präzise ist, dazu ein wenig Pfefferwürze und Tee-Aroma vom Grignolino und zum Schluss ein Schuss Dolcetto, der Fruchtfülle und Saft bringt. Ecco!
vinocentral: Das Monferrato steht im Schatten von Namen wie Barolo, Alba oder Asti – landschaftlich völlig zu Unrecht. Wie würdest du die Weine der Region charakterisieren – und warum lohnt es sich, ihnen mehr Aufmerksamkeit zu schenken?
Dennis: Die Weine des Monferrato sind definitiv eine Reise wert – vor Ort lässt sich das natürlich am allerschönsten erleben, in einer der unzähligen familiengeführten Trattorien mit wunderbarer regionaler Küche. Und danach, im warmen Licht und mit vollem Bauch durch das sepiafarbene Dorf spazieren, während der Blick über die sanften Hügel des Monferrato schweift. Bellissimo. Aber auch zu Hause, mit einer Flasche aus der Region in den eigenen vier Wänden, macht das schon große Freude.
Was mich persönlich sehr berührt, ist die Authentizität, die man hier wirklich findet. Ich glaube, damit meine ich vor allem die Zugänglichkeit der Weine. Der geschichtliche Kontext dazu ist ebenfalls spannend:
Zur Zeit der Industrialisierung war die Nachfrage in der Region Turin und Mailand nach einfachen „Thekenweinen“ riesig. Viele Menschen kamen neu in die Städte und waren durstig nach (oder vor?) der harten Arbeit. Die Barbera-Reben lieferten große Erträge und versorgten viele Menschen mit stabilen Weinen. Monferrato war der Wein in den Karaffen auf den Tischen der unzähligen Trattorien.
Heute wird zum einen weniger Wein getrunken und vor allem weniger lokal. Daher befindet sich die Weinregion Monferrato im Wandel. Vielleicht ist sie sogar ein wenig in einen Dornröschenschlaf gefallen? Einige stillgelegte Bahnhöfe erzählen davon.
Darüber hinaus möchte ich sagen, dass ich die Idee des „Thekenweins“ eigentlich sehr ansprechend finde.
vinocentral: Deine Weine haben in Deutschland und Europa eine große Fangemeinde – entsprechend groß ist die Neugier auf dein Piemont-Projekt. Wird man deine Handschrift auch in den Monferrato-Weinen wiedererkennen?
Dennis: Oh, vielen Dank – das freut mich sehr zu hören.
Ganz klares Ja! Tatsächlich haben mir einige Weinhändler und Kolleginnen und Kollegen das schon bestätigt. Ich war sehr aufgeregt, den ersten Jahrgang von der Cascina Intersenga zu zeigen, und genau diese Rückmeldung – dass die Weine meine Handschrift tragen – hat mich riesig gefreut.
Viele Ideen und Methoden, die ich zuvor irgendwo in Frankreich oder in Deutschland aufgeschnappt habe, setze ich seitdem in der Pfalz und eben auch hier im Monferrato um. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: biologische Bewirtschaftung, Begrünung zur Beschattung des Bodens, hohe Laubwände, viel Handarbeit, Ernte zum perfekten Zeitpunkt, Reife im Holzfass, viel Zeit und Gelassenheit.
Das „Rezept“, einen guten Wein zu machen, hat sich für mich nicht geändert. Wegen der Hügel musste ich nur noch besser im Trecker fahren werden.
vinocentral: Und auch die liebevolle Kolorierung der Etiketten per Hand hast du beim Monferrato Rosso übernommen, das wollen wir nicht unerwähnt lassen! Wir freuen uns, die ersten Früchte deines Piemont-Abenteuers im Glas zu haben. Cincin!
Fotos: Ben Kuhlmann
Der Pfälzer Winzer Dennis Wolf hat im Monferrato eine neue Herausforderung angenommen. Wir haben mit ihm über Barbera, piemontesische Rebsorten, die Besonderheiten der Region – und über seine erste Cuvée gesprochen.
Dennis Wolf im Monferrato
Als es Zeit für den Ruhestand wurde, übergab Uwe Burchard die Cascina Intersenga an seinen Sohn und dessen Familie sowie an den Darmstädter Hans Rittmansperger. 2024 holte Letzterer den Pfälzer Winzer Dennis Wolf als Kellermeister ins Boot, um in der Kellerei ein neues Kapitel aufzuschlagen.
Mit Sack und Pack – und reichlich Erfahrung aus seinem Familienweingut in Großkarlbach, Studium und Wanderjahren bei Winzergrößen wie Klaus-Peter Keller, André Ostertag und Jean-Louis Chave – kam Dennis aus der Pfalz ins Monferrato und begann, die Arbeit im Keller und die Stilistik der Weine neu auszurichten.
Sein erster Jahrgang, für den er im Monferrato vollständig verantwortlich zeichnet, ist nun auf dem Markt. Grund genug, mit ihm über Barbera, das Monferrato und seinen Weg dorthin zu sprechen.
Interview mit Dennis Wolf:
vinocentral: Dennis, wir haben den ersten von dir verantworteten, gehegten und gepflegten Monferrato Rosso im Glas. Ist er ein typischer Piemonteser geworden?
Dennis: In unserem ersten Monferrato Rosso sind die vier häufigsten roten Rebsorten des Monferrato vereint: Barbera, Nebbiolo, Grignolino und Dolcetto. Das macht ihn sicherlich piemontesisch, aber typisch für die Region ist diese Cuvée – soweit ich weiß – nicht. Der Wein erzählt auf jeden Fall von seiner Herkunft, dem Monferrato und ganz bestimmt auch von der Lebensfreude, die man in Italien vorfindet. Ganz getreu dem Motto: „Anni, amori e bicchieri di vino non si contano mai.“ [zu deutsch: Jahre, Lieben und Gläser Wein – diese Dinge sollte man niemals zählen.]
vinocentral: Du hast Barbera auch schon in der Pfalz angebaut – sehr ungewöhnlich für die Region. Was fasziniert dich an dieser Rebsorte?
Dennis: Zugegeben, es war keine Liebe auf den ersten Blick. Mein Fokus in der Pfalz lag ganz woanders – viel mehr bei den Weißweinen, insbesondere Riesling und Schaumwein. Doch eine Reise ins Piemont mit Kollegen vor vielen Jahren hat mich sehr geprägt. Wir haben viel probiert und die Winzerinnen und Winzer vor Ort mit Fragen zu Barbera und zum Anbau der Sorte gelöchert. Die neu gewonnenen Erkenntnisse habe ich gleich in meinem ersten Jahrgang 2018 umgesetzt – und mein erster Barbera ist heute noch fantastico.
Das Monferrato – eine Region mit Charakter
Sanfte Hügel, auf fast jedem ein Dorf – das Monferrato im südlichen Piemont ist ein echter Geheimtipp. Vieles wirkt hier nach wie vor erstaunlich ursprünglich – und gerade deshalb ist die Region eine Reise wert. Auch die Küche und die Weine, die in den vielen kleinen Bars und Trattorien angeboten werden, sind ein Erlebnis. Hier ist Italien noch sehr italienisch.
Kein Wunder also, dass sich der Bremer Uwe Burchard Anfang der 1990er-Jahre in die Gegend rund um das Städtchen Vignale Monferrato verliebte. 1996 kaufte er einen alten Bauernhof mitten in den Weinbergen, restaurierte ihn liebevoll und begann, als Selfmade-Winzer Bio-Wein anzubauen. Seine Weine schenkte er den Gästen seines Agriturismo aus – begleitet von Kunstausstellungen und viel piemontesischer Lebensfreude.
Intersenga x Wolf – 3er-Kennenlernpaket
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